Das Überleben des Rätoromanischen ist der Sieg der angewandten Transdisziplinarität: Recht, Politik, Linguistik und Ethik des Zusammenlebens in Aktion
- gleniosabbad
- Nov 2, 2025
- 4 min read
Glênio S Guedes ( Rechtsanwalt in Brasilien)
« Die Sprache Europas ist die Übersetzung » — Umberto Eco
Art. 4, Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (1999): Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
1. Die Verfassung als sprachlicher Gesellschaftsvertrag
Artikel 4 der Bundesverfassung ist kein symbolisches Ornament, sondern das operative Zeichen einer politischen Ethik. Indem sie vier Landessprachen anerkennt, bekräftigt die Schweiz, dass ihre Einheit nicht aus Einheitlichkeit, sondern aus juristischer Koexistenz der Verschiedenheit entsteht.
Das Rätoromanische zu vernachlässigen hieße, gegen die Verfassung zu verstoßen, denn jede Sprache verkörpert eine Form von Rationalität und Lebenswelt. Der schweizerische Pluralismus ist die konkrete Form eines transdisziplinären Rechts.
2. “Mariage de raison” und kommunikative Rationalität
In Mariage de raison (Éditions Zoé, 2015) beschreibt Christophe Büchi die Schweiz als Ergebnis einer Vernunftehe zwischen Kulturen. Die Schweiz lebt, weil sie gelernt hat, ihre Differenzen zu übersetzen – politisch, sprachlich, symbolisch. Das ist kommunikativer Föderalismus: Einheit durch Dialog, nicht durch Zwang.
3. “Parlons Romanche” – Sprache als Widerstand und Schöpfung
In Parlons Romanche (L’Harmattan, 2007) schildert Dominique Stich das fragile sprachliche Ökosystem Graubündens mit seinen fünf Hauptvarianten – Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader. Das Rätoromanische ist eine Bergsprache der Vermittlung, ein lebendiges Symbol des kulturellen Dialogs.
4. “Les mots sont apatrides” – Sprachliche Gastfreundschaft
Der Linguist Romain Filstroff (Les Mots sont apatrides, Slatkine 2023) betont: Wörter haben keine Heimat. Sprache ist ein Raum des Übergangs. Diese Sichtweise deckt sich mit dem schweizerischen Modell – Übersetzung als Staatsprinzip. Mehrsprachigkeit humanisiert das Recht und verleiht der Demokratie eine Stimme der Vielfalt.
5. Föderaler Pluralismus als transdisziplinäres Modell
Recht, Politik, Linguistik und Ethik bilden in der Schweiz ein kreisförmiges System:
Das Recht garantiert die Gleichberechtigung der Sprachen (Art. 4 & 70 BV).
Die Politik fördert Bildung und Kommunikation.
Die Linguistik dokumentiert.
Die Ethik gibt Sinn.
So entsteht ein Beispiel für komplexes Denken im Sinne Edgar Morins.
6. Pflicht zum Erhalt
Die Verfassung verpflichtet Bund und Kantone zur Förderung der Mehrsprachigkeit. Das Rätoromanische ist kein Relikt, sondern ein lebendiger Teil des Rechtsbewusstseins der Eidgenossenschaft.
6-A. Notwendige Maßnahmen zur Sicherung des Rätoromanischen
Nach Dominique Stich hängt das Überleben einer Minderheitensprache nicht von der Anzahl der Sprecher, sondern von ihrer öffentlichen Sichtbarkeit ab. „Eine Sprache stirbt nicht, weil sie klein ist, sondern weil man sie nicht sieht.“
Fünf Maßnahmen sind entscheidend:
Mehrsprachige Bildung und Lehrerfortbildung – rätoromanischer Primarunterricht, moderne Lehrmittel, zweisprachige Pädagogik.
Digitale Präsenz – Integration in Software, Übersetzer, KI-Systeme.
Kulturelle Produktion – Film, Musik, Theater und Literatur in romanischer Sprache.
Institutionelle Sichtbarkeit – zweisprachige Beschilderung, offizielle Dokumente.
Rätoromanisch-ladinische Kooperation und stabile Finanzierung – Unterstützung der Lia Rumantscha und Zusammenarbeit mit ladinischen Regionen.
Diese Maßnahmen verwirklichen den Verfassungsauftrag der Gleichwürdigkeit der Landessprachen.
7. Transdisziplinarität als helvetische Methode
Die Schweiz ist ein lebendiges Labor der angewandten Transdisziplinarität. Mehrsprachigkeit ist hier nicht Ausnahme, sondern Lebensform. Das Parlament übersetzt Souveränität, die Schule übersetzt Kultur – und das Rätoromanische übersetzt die Geschichte.
8. Schlussfolgerung – Das Recht, in Übersetzung zu existieren
Das Überleben des Rätoromanischen ist ein zivilisatorischer Sieg. Es beweist, dass Vielfalt organisierbar ist und dass Übersetzung ein Prinzip des Friedens sein kann. Das Rätoromanische lebt, weil es Brücken baut – zwischen Tälern, Sprachen und Welten.
„Les mots sont apatrides“ — Romain Filstroff, 2023.
Nachschrift
Während dieser Artikel das schweizerische Beispiel des sprachlichen Zusammenlebens pries, beschloss das Zürcher Kantonsparlament, den Französischunterricht an Primarschulen zu verschieben. Wie ironisch: das Land, das das Rätoromanische in seiner Verfassung schützt, fragt sich, ob seine Kinder Molières Sprache noch vor der Pubertät lernen sollen.
Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider erinnerte daran, dass „das Erlernen der Landessprachen kein nettes Extra ist, sondern ein wesentlicher Teil unseres Zusammenlebens“. Sie hat recht. Wenn eine Nation beginnt, ihre Landessprachen ins Sekundarstufenniveau zu verschieben, verschiebt sie auch ihren republikanischen Geist in die Pubertät.
Wenn das Rätoromanische in den Bergen überlebt – wird das Französische in den Zürcher Ebenen bestehen? Die Frage klingt absurd, ist es aber nicht. Sprachliche Vielfalt stirbt nie plötzlich – sie erodiert langsam, zwischen parlamentarischen Motionen und Stundenplänen.
Vielleicht wird das kleine, eigensinnige Rätoromanische den grossen Kantonen weiterhin lehren, dass die Treue zu den Worten die edelste Form politischer Klugheit ist.
Literaturverzeichnis
· BÜCHI, Christophe. Mariage de raison : Romands et Alémaniques : une histoire suisse. Carouge-Genève : Éditions Zoé, 2015 (2. ed.).
. Radio Télévision Suisse (RTS Info). Der Kanton Zürich will den Französischunterricht in der Primarschule abschaffen. RTS Info, 2. September 2025. Online verfügbar unter: https://www.rts.ch/info
· STICH, Dominique. Parlons romanche : la quatrième langue officielle de la Suisse. Paris : L’Harmattan, 2007.
· FILSTROFF, Romain (RF Monté). Les mots sont apatrides. Genève : Slatkine & Cie, 2023.
· CONSTITUZIUN FEDERALA DA LA CONFEDERAZIUN SVIZRA (18 d’avrigl 1999), art. 4 e 70.
· ECO, Umberto. Dire quasi la même chose – Expériences de traduction. Paris : Grasset, 2003.
· MORIN, Edgar. La Méthode VI – Éthique. Paris : Seuil, 2004.
· FERREIRA DA CUNHA, Paulo. Metodologia Jurídica – Iniciação e Dicionário. Edições Almedina, 2021.

Comments